Monatstext für die Seele
Text für den Monat September: Unter Gottes Schutz
Ein Summen und Brummen,
Stimmengewirr im Treppenhaus,
Schweigen hinter mancher Tür.
Im Erdgeschoss wohnen die Alleinerziehende mit den beiden Jungs,
gegenüber der ältere Herr.
Sein Rollator und der Kinderwagen der kleinen Familie haben feste Parkplätze im Flur.
Nur so können alle noch an die Briefkästen und zur Treppe gehen.
Die beiden ungleichen Wohnparteien haben Freundschaft geschlossen im letzten Winter.
Die Mutter schob den Schnee vor dem Haus und der Senior puzzelte mit den Jungs.
Die beiden Schwestern unterm Dach feiern gerne.
Dann erklingen noch spätnachts Schritte auf der knarzigen Treppe,
sie versuchen leise zu sein,
doch jedes Straucheln wird von einem Kichern oder unterdrückten Fluchen begleitet.
Tagsüber sind beide in ihrer Ausbildung und helfen ihren älter werdenden Eltern bei Arztbesuchen und komplizierten Formularen.
Das kinderlose Ehepaar im 1. Stock hört man hingegen fast gar nicht.
Sie gehen frühmorgens zur Arbeit und wenn sie abends nach Hause kommen,
tragen sie die Einkäufe in ihre Wohnung.
Alle im Haus riechen, ob es wieder die leckere Bolognese zum Abendessen gibt.
Es dringen die Geräusche vom Fernseher und Musik leise nach draußen,
die Stimmen im Alt oder Tenor schweigen jedoch in gemeinsamer Einsamkeit.
Ihnen gegenüber lebt ein junger Mann allein. Er studiert, spielt manchmal leise Gitarre.
Sein Kanarienvogel ist erstaunlich leise, aber wenn er spricht, müssen die Menschen auf der Treppe unwillkürlich lachen beim Klang durch die Wohnungstür.
Den jungen Mann haben die anderen Hausbewohner in letzter Zeit selten gesehen.
Oft muss er im Bett liegen bleiben. Dann ist es tagelang still, kein Gitarrenklang, kein Radio.
Ab und an kommen Freunde und versorgen ihn, bis es ihm wieder besser geht.
In Gottes Haus sind viele Wohnungen. Damit tröstet Jesus die, die beim Abschied traurig werden (Die Bibel, Johannes-Evangelium, 14. Kapitel, 1-4):
»Lasst euch im Herzen keine Angst machen.
Glaubt an Gott und glaubt an mich.
Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.
Wenn es nicht so wäre,
hätte ich dann zu euch gesagt:
›Ich gehe dorthin,
um für euch einen Platz vorzubereiten‹?
Und wenn ich dorthin gegangen bin
und für euch einen Platz vorbereitet habe,
werde ich wiederkommen.
Dann werde ich euch zu mir holen,
damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
Ihr kennt ja den Weg zu dem Ort, wo ich hingehe.«
Ich stelle mir das Leben in diesem großen Haus bunt, lebhaft, vielfältig vor. Mit so verschiedenen Bedürfnissen, Interessen. Mit so verschiedenen Menschen und ihren Begabungen, Nöten und Fähigkeiten. Alle an derselben Adresse: „Unter Gottes Schutz.“
Hier zu wohnen ist anders. Denn Jesus hat für alle vorgesorgt: Hier ist allein sein möglich ohne Einsamkeit, Gemeinschaft in Sicherheit und Schutz, Geselligkeit ohne Witze auf Kosten anderer, ehrliches Interesse an allen und gerechtes Leben für jede und jeden. Es ist für alle gesorgt im Haus „Unter Gottes Schutz“.
Simone Stolte-Lehnert

